Wie gehe ich an eine Deutung heran?

'Vorwort'

Vor einiger Zeit wurde mir die Frage gestellt, wie ich eigentlich an eine Deutung herangehe. Eine Beispiellegung war auch gleich dabei - und so habe ich im Laufe einiger Tage an diesem Beispiel erläutert, welche Fragestellungen und Beobachtungen man an einer Legung machen kann. Dabei steht die prinzipielle Vorgehensweise im Vordergrund und nicht die Deutung der einzelnen Karten.

Eine Deutung habe ich im Beispielfall zwar auch gemacht, möchte es hier aber nicht wiederholen. Einzig einige Ausschnitte, die eher grundlegende Bedeutung haben, führe ich hier an.
Ich danke bei dieser Gelegenheit der 'Legerin' für die Erlaubnis, hier auf meiner Webseite mit 'ihren' Karten mein 'Verfahren' zu erläutern. aus Gründen des Persönlichkeitsschutzes ohne Namensnennung.

Aus dieser Historie erklärt sich auch die Anrede 'Du' - dabei bin ich auch in diesem Artikel geblieben; die Formulierungen mit 'man' lesen sich ja unschön und haben immer den Unterton: 'man' macht das so - ich machs natürlich anders ;)

Die Legung - 'Zitat'

Ich habe ein sehr einfaches Legemuster aus meinem Buch ein bisschen erweitert.

Im Buch steht: --2---1---3--

1 ist die Gegenwart, 2 ist die Vergangenheit 3 ist die Zukunft Ich hab es wie folgt erweitert:

--8---6---4---2---1---3---5---7---9--

1 ist die augenblickliche Ausgangssituation alles vor der 1 ist Vergangenheit alles nach der 1 ist Zukunft

und die karten hab ich folgendermaßen zugeordnet: 2 und 3 steht für Geist und seelische Entwicklung 4 und 5 steht für die Liebe 6 und 7 steht für Gesundheit 8 und 9 steht für Materielles

Betrachtung der Legung

Die Anordnung der Karten in einer Reihe zeigt m.E. die charakteristischen Zusammenhänge nicht besonders gut. Daher habe ich die Karten anders angeordnet. (bei 'fertigen' Legesystemen hat das der Erfinder schon getan ;) ). Mir gefällt die folgende Anordnung am besten - hier liegen die Bereiche jeweils zusammen; links die Karte für Vergangenheit, direkt daneben die Karte für die Zukunft. Auf diese Anordnung werd ich mich im folgenden auch stützen.


Abbildungen der Karten aus dem Rider Waite Tarot mit freundlicher Genehmigung von U.S.Games Systems, Inc. Weitere Reproduktion nicht gestattet.


Möglich wäre allerdings auch eine Anordnung in der Art:


Abbildungen der Karten aus dem Rider Waite Tarot mit freundlicher Genehmigung von U.S.Games Systems, Inc. Weitere Reproduktion nicht gestattet.


Hier hast du entlang der Linien die jeweiligen Themen mit Vergangenheit (links) - Gegenwart - Zukunft (rechts). In 'meiner' Anordnung wird deutlich, dass du eigentlich 4 Legungen in einer kombiniert hast - je eine für Seele, Liebe, Gesundheit, Materielles. Bei der Deutung brauchst du also immer nur 3 Karten zusammen betrachten.

Grundsätzlich gibt es bei Deutungen kein festes Verfahren. Mit der Zeit spricht das *Gesamt*bild einer Legung zu Dir, und die Deutungsreihenfolge ergibt sich sozusagen 'automatisch'. Für den Anfang ist es aber sicher hilfreich, eine Art Geländer zu haben, wie man an eine Legung rangeht.

Vielleicht magst du ja das obere Bild etwas auf dich 'wirken' lassen. Spüren, wie die Karten in *dieser* Anordnung zu dir sprechen. (und die Gedanken, die dir durch den Kopf schiessen, einfach mal für dich aufschreiben. Das sind nämlich wichtige Hinweise, wie DU für Dich die Kartenbedeutungen siehst!!)

Der König der Münzen liegt in der Mitte - er beschreibt deinen aktuellen Stand. Der gilt allgemein - da du ja die Gegenwart nicht in die 4 Bereiche aufgeteilt hast. So eine Karte nennt man üblicherweise Signifikator kurz Signi oder Themenkarte. Er 'färbt' sozusagen die anderen Karten mit deinem Hauptthema. Er zeigt den Aspekt, der im wahrsten Sinne des Wortes im Mittelpunkt steht..

Dann guck ich mir nun die 'Pärchen' an und schau nach Auffälligkeiten.

Was mir zuerst auffiel

Unabhängig von dieser speziellen Legung macht es immer Sinn, mal zu gucken, wieviele Karten von der Grossen Arkana, den Hofkarten und der kleinen Arkana da liegen. Eine Freundin von mir hatte z.B. gerade kürzlich eine Legung zu einer 'kleinen' Frage gemacht (wie ein bestimmtes Treffen ablaufen würde) - als Antwort kamen *nur* grosse Arkanen. Ein deutlicher Hinweis, dass ihr *eigentliches* Thema ein viel größeres ist, dass es mit Lebenseinstellung zu tun hat und dieses Treffen nur eine Einzelstation auf diesem Weg ist.

In deiner Legung fällt mir auch auf, dass in den Vergangenheitspositionen 3 grosse Arkanen und eine Hofkarte sind, während die kleine Arkana sich sämtlich auf den Zukunftsplätzen tummelt. Ein Hinweis, dass die grossen Themen bereits in der Vergangenheit 'erschienen' sind - und es jetzt eher um die 'Arbeit' daran geht. (kleine Arkana sind ja eher 'Einzelereignisse')

Damit hab ich auch den Übergang zu der nächsten 'allgemeinen Sicht': den vier Elementen:

Die Verteilung der Elemente in/auf den Karten gibt auch schon einen Hinweis, auf welche Art du mit deinem Thema umgehen kannst. Wo die Schwerpunkte der Frage liegen.

In deinem Fall fällt auf:

Was eventuell auch noch Hinweise geben kann (ist bei deiner Beispiellegung halt nicht der Fall):

Bitte suche nicht zwanghaft nach Auffälligkeiten; wichtig sind alleine die, die 'ins Auge fallen'.
In einer Legung mit 9 Karten wären 2,5 aus der grossen Arkana 'statistisch' zu erwarten. Ob es nun 2 oder 3 sind ist nichts sooooo auffälliges. Bei deiner Legung sind es nun aber 4 - also fast doppelt so viel wie erwartet; DAS ist dann schon wichtig.

Eine kleine Ergänzung zur Vorgehensweise:
Ich hatte ja oben schon erläutert, dass deine Legung schön strukturiert ist. Du hast diese Struktur 'textlich' entwickelt; in meinem Bildchen zeigt sie sich auch optisch.
Bei anderen Legesystemen ist es nützlich, solche Strukturen im LS zu suchen, weil dann leichter klar wird, welche Karten miteinander zusammenhängen oder 'Gegenspieler' sind.

Solche zusammenhängende Pärchen können beispielsweise sein:

Daher kann ich bei deiner Legung sehr gut die 4 'Pärchen' betrachten. Jedes für einen Lebensbereich und bei jedem die Vergangenheit und den Ratschlag für die Zukunft.

Bei der Deutung der Karten 'an sich' spielt eine Menge Subjektivität mit. Jeder Deuter hat zu einer bestimmten Karte eine eigene Vorstellung, was sie bedeuten kann. Daher unterscheiden sich die Deutungen einer Karte von Deuter zu Deuter (oder auch von Buch zu Buch). Eine Karte hat auch bei einzelnen Deuter (z.B. mir ;) ) nicht nur eine 'festgeschriebene Bedeutung', sondern ein ganzes Spektrum. Welchen Teilaspekt aus dem Spektrum ich in einer Deutung 'verwende', kann ich nicht 'logisch' erklären; das hängt von den umliegenden Karten ab...

Am Beispiel Eremit erläutert: Karten der großen Arkana haben einen größeren Wirkungskreis als kleine Arkana bzw. Hofkarten, die ja 'nur' Aktionen in *einem* der vier Elemente beschreiben.

Der Eremit zieht sich zurück, um herauszufinden, was wirklich wichtig ist, was es WERT ist, zu haben oder zu behalten. Du solltest also mal ganz in Ruhe herausfinden, was für DICH persönlich wichtig und wert ist. Dabei solltest du alle deine Persönlichkeitsanteile befragen und berücksichtigen.

Nicht einfach nur NachDENKEN (dann läge da ja z.B. eine Königin der SCHWERTER)
Nicht einfach nur (Wohl-)FÜHLEN (dann läge da ja z.B. ein Ritter der KELCHE)
Nicht einfach nur nach LUSTprinzip handeln (dann läge da ja z.B. die 2 STÄBE)
Nicht einfach nur nach SACHlage beurteilen (dann läge da ja z.B. 4 MÜNZEN)

- sondern eben ALLE Persönlichkeitsanteile/Elemente berücksichtigen (wegen GROSSE Arkana). Auch und gerade die, auf die du bisher weniger gehört hast. Lasse durchaus auch deine Intuition und Inspiration zu. Verfolge auch ungewöhnliche Wege und Ideen. Bis du eben eine rundum stimmige, zu DIR passende, Lösung gefunden hast.

Es ist vollkommen normal, dass dir zu einigen Karten viel einfällt; das sind Themen, die Dir in irgendeiner Art vertraut und bekannt sind; Themen, die zu deinem Erfahrungsschatz gehören.
Bei den anderen Karten sind das Themen, die bisher in deinem Leben keine so grosse Rolle gespielt haben.
Interessant sind auch Karten, die du gar nicht magst - das sind nämlich meistens Themen, um die du auch im Leben einen Bogen machst...

Deine *eigenen* Eindrücke zu den Karten aufschreiben, ist eine ausgesprochen gute Idee. Zum einen lernst du sie auf diese Art besser kennen und zum anderen kannst du im Laufe der Zeit nachvollziehen, wie sich deine Sicht der Karte verändert - was auch heisst, dass sich deine Sicht der Welt oder des Lebens ändert. Die Karten als Spiegel deines Unterbewussten!

Und das bietet mir die Möglichkeit, gleich noch was Grundsätzliches zu Deutungen zu sagen: Ich schreibe das, was ich in den *Karten* sehe. Auch wenn ich in Formulierungen 'Du' schreibe, weils einfach besser zu lesen ist als 'die Person, so wie sie mir von den Karten beschrieben wird'.
Das KANN mit Dir und deiner Selbsteinschätzung übereinstimmen.
Das KANN eine Sicht sein, die stimmt, die du dir selber noch nicht so bewusst warst.
Das KANN aber auch völlig danebenliegen.

Gerade im letzteren Falle bitte ich dich, dich nicht 'angegriffen' oder 'verleumdet' zu fühlen. Ich schreibe ja nicht über DICH (dich kenne ich ja gar nicht), sondern eben über die Karten.

Ich stelle es den Fragenden auch immer frei, ob sie sich zu meinen Aussagen äußern wollen. Gerade wenn es sehr persönlich wird, mag man das nicht 'irgendeinem Deuter' (und hiesse er auch Widar) offenbaren - das ist ganz normal und okay. Was ich halt nicht mag - und das ist das gefährliche bei erzwungenen Feedbacks - sind Kommentare, die nicht der Wahrheit entsprechen. Lieber 'nichts' als 'falsches'...

Ich bin auch froh drum, wenn ich über die Situation des/der Legenden nichts oder wenig weiss. Dann fällt es mir viel leichter, die Karten zu erläutern und nicht persönliche Ansichten und Ratschläge zu einer Situation da mit hinein zu bringen.

Merke: es ist ein Unterschied, ob ich dir 'übersetze', was die Karten dir raten oder ob ich - unabhängig von den Karten - meinen persönlichen Ratschlag gebe.

Manchmal fallen mir bei der Deutung amüsante Sätzchen ein - hier passiert bei den 6 Stäben (zum Thema Liebe...):
Ein bisschen kalauern: Unter der Decke ist einiges los! ;), :D - solche Sätze sind zwar keine ernsthafte Deutung, können aber durchaus hilfreich sein; manchmal auch eine Sache 'auf den Punkt' bringen. Also erlaube ich sie mir auch.

Und noch eine Nebenbemerkung, die ich auch an dieser Stelle betonen möchte:
wenn eine Legung gesundheitliche Fragen berührt, ist mir wichtig, deutlich zu sagen, dass Kartenlegen nicht den Besuch eines Arztes oder Heilpraktikers ersetzen kann. Die Karten können (genau wie der Rat eines Freundes) helfen, mit Problemen in diesem Bereich umzugehen, die Heilung zu unterstützen. Den medizinischen Fachmann können sie nicht ersetzen!


© Widar, 2006. Alle Rechte vorbehalten.

© Illustrations from the Rider-Waite Tarot Deck®, known also as the Rider Tarot and the Waite Tarot, reproduced by permission of U.S. Games Systems, Inc., Stamford, CT 06902 USA. Copyright ©1971 by U.S. Games Systems, Inc. Further reproduction prohibited. The Rider-Waite Tarot Deck® is a registered trademark of U.S. Games Systems, Inc.