Des Kaisers neue Kleider

'Aber er hat ja gar nichts an!' - Das ist meist das Einzige, was die Leute spontan noch wissen, wenn sie nach dem Märchen 'des Kaisers neue Kleider' gefragt werden.

Aber wie kam es denn zu diesem Ausspruch ?

In aller Kürze:
Windige (oder findige?) Tuchweber hatten dem Kaiser weisgemacht, dass sie ein hochwertiges Tuch erzeugen und zu Kleidern verarbeiten, das nur intelligente und fähige Menschen sehen können.
Natürlich konnten sich weder der Kaiser noch seine Gesandten die Blöße geben, zu bekennen, dass sie nichts von diesen edlen und hochwertigen Tüchern sehen konnten. Also plapperten sie lieber nach, was die Tuchweber sagten, übertrieben die Qualität der Tücher und die genialen Fähigkeiten der Weber. Der Trick des Weber-Marketings bestand darin, dass die Leute (selbst der Kaiser!) die Unzulänglichkeit insgeheim bei sich selber suchten und das Irreführungs-System der Weber bestätigen mussten, um sich nicht selbst der Unfähigkeit zu bezichtigen. Jeder der das Spiel mitmachte, stützte es!

Erst das Kind, das jenen denkwürdigen Ausspruch tat 'er hat ja gar nichts an', brachte dieses System zum Einsturz.

Warum ich diese Geschichte hier erzähle?

Nun, ich habe einige Bücher gelesen und Vorträge gehört - nicht ausschließlich aber doch öfters - im Bereich Tarot, wo auf ganz ähnliche Weise der findige Tuchweber eine Behauptung aufstellt, die keiner versteht. Da er ja aber die Autorität auf diesem Gebiet ist, liegt die Unzulänglichkeit ganz offensichtlich (wirklich?) auf Seiten des Lesers/Zuhörers.

Das können Sätze sein wie:

Es gibt eine besondere Auslegung der Karte, die nur durch Eingeweihte des Neunten Grades verstanden werden kann; denn sie enthält eine praktische magische Formel von solch hoher Bedeutung, daß es unmöglich ist, sie öffentlich mitzuteilen.

Außerdem gibt es hier eine spezielle technische, magische Bedeutung, die nur Eingeweihten des Elften Grades offen erläutert wird. Einem Grad, der so geheim ist, daß er noch nichtmals in den offiziellen Dokumenten aufgeführt ist.

For reasons which satisfy myself, this card has been interchanged with that of justice, which is usually numbered eight. As the variation carries nothing with it which will signify to the reader, there is no cause for explanation.
(Aus Gründen, die mir selbst gut genug sind, wurde diese Karte mit der 'Gerechtigkeit' vertauscht, die normalerweise die Nummer Acht trägt. Da diese Änderung nichts von irgendwelcher Wichtigkeit für den Leser darstellt, gibt es auch keinen Grund, das näher zu erläutern)

Was m.E. auch noch in diese Richtung geht - allerdings ohne die Leser *direkt* in Weber-Versteher und Weber-NICHT-Versteher einzuteilen, sind die Zuordnungen von Tarotkarten zu astrologischen oder kabbalistischen Themen:

Es gibt Karten, denen von den verschiedenen Autoren mehr als der halbe Tierkreis zugeordnet wurde. (z.B. entspricht die Gerechtigkeit je nach Autor: Jupiter, Mars, Venus, Waage, Löwe, Widder, Krebs, Wassermann). Netterweise wird teilweise die Kartenbedeutung dann durch die selbst getroffene Zuordnung 'erschlossen'...

Neben den astrologischen 'Entsprechungen' sind mir auch die kabbalistischen Zuordnungen aufgefallen. Interessanterweise werden diese Zuordnungen immer nur von Tarot-'Meistern' getroffen. Ich kenne jedenfalls kein Astrologie- oder Kabbalah- Buch, wo der Autor Zusammenhänge mit Tarot zur Erläuterung seiner Vorstellungen heranzieht...

An dieser Stelle frage ich mich, ob bei solchen Textstellen nicht ein 'Kaisers Neue Kleider' - Effekt vorliegt. Die Autoren (deren Namen ich hier aus Gründen des Persönlichkeitsschutzes nicht nennen mag) tragen Erkenntnisse vor, die niemand anders - oder allenfalls einem kleinen Personenkreis - zugänglich sind, und damit hat es sich. So richtig verstanden hat das natürlich nur der Autor selber. Noch nicht einmal der Versuch einer Erläuterung wird gemacht.
Und wie automatisch gibt es Leute, die dieses Wissen weiter verbreiten, sich in ähnlichen Andeutungen ergehen und damit wiederum ihr 'Verständnis' demonstrieren - und die Behauptungen und die 'Bedeutung' des Autors bestärken.

Letztlich mag dahingestellt bleiben, ob diese Sätze nur dem 'Eigen-Lob der autoralen Genialität' dienen, oder vielleicht tatsächlich einen realen Hintergrund (und doofe Leser) haben.

Die wesentliche Aufforderung des Märchens liegt für mich darin,

Wer die Geschichte 'Des Kaisers neue Kleider' im Original nachlesen will, kann sie z.B. auf der Hans Christian Andersen Website finden.


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