Fantasiereise zum As der Münzen


von Annegret Zimmer

Schau dir diese Karte genau an, nimm sie ganz in dich auf und schließe dann die Augen.

Du bist in einem wunderschönen Garten. Das Gras ist zart grün und überall wachsen wilde weiße Lilien. Der Garten wird umschlossen von einer üppigen Rosenhecke, die in voller Blüte steht. Es ist sehr friedlich und still hier. Die Luft ist warm und schwer vom Blumenduft. Du aber bist auf dem Weg, der diesen Garten verläßt. Er zieht sich als ein gelbes Band durch die Wiesen und durchquert die Hecke unter einem hohen, gewölbten Torbogen aus Rosen. Diese Pforte öffnet dir den Blick. Und in der Ferne winken graublaue geheimnisvolle Berge.

Doch bevor du gehst, verweile einen Augenblick und schau dich um. Sieh die sanften Wiesen, die sich bis zum Horizont erstrecken, an manchen Stellen weit und eben, an anderen wieder wellig, ja hüglig. Und nur selten von lichten Baumgruppen unterbrochen. Das ist das Paradies, der Garten Eden, unberührt wie das unschuldige Weiß der Lilien. Spürst du, wie er dich einlädt dich im Gras auszustrecken, den Wolken nachzuschauen und für immer zu bleiben? Und sieh auch die Hecke, wie kraftvoll sie den Garten schützt! Schön ist sie und anmutig. Aber ihre Dornen geben keinem Eindringling eine Chance. Du bist hier vollkommen sicher und geborgen. Aber du kannst nicht bleiben. Dein Weg führt hinaus ins Unbekannte. Der Blick in die Ferne durch den Torbogen genügt dir nicht. Und über die hohe Hecke kannst du nicht schauen. Du weißt, wenn du zu nahe herangehst und dich reckst, wird sie genau so unbarmherzig gegen dich sein, wie gegen die Feinde, die sie nicht einläßt.

Nun durchquerst du das Tor und gehst hinaus in das Land, von dem du nur gehört hast, dass es öde und unwegsam sei. Und ein weiter Weg beginnt. Du wanderst über Wiesen und durch Wälder, übersteigst Hindernisse, durchwatest Flüsse, immer dein Ziel vor den Augen: Die hohen Berge. Du spürst, wie der Weg schließlich steiler wird und der Boden felsig. Die Vegetation ist nur mehr ein Gestrüpp. Und allmählich wird die Luft dünner, aber auch reiner und nur ein ganz klein wenig dunstig. Du umgehst einen Felsblock und vor dir öffnet sich ein weites Plateau.
Du bist oben!

Du atmest tief, um zu Atem zu kommen, denn ohne es zu merken bist du zum Schluss immer schneller auf das Ziel losgestürmt. Noch hämmert dein Herz. Aber schon wirst du ruhiger. Jetzt ist der Augenblick, dich umzuwenden und zu schauen. Und es verschlägt dir den Atem. Unter dir liegt eine Welt ausgebreitet, wie du sie dir nicht einmal erträumt hast! So groß, so über alle Maßen weit. Berge und Hügel siehst du, liebliche Täler und schroffe Schluchten und finstere Spalten, Ebnen, von Flüssen durchzogen, fruchtbar und blühend, Steppen und Wüsten auch. Ganz fern das Meer, weiches, dunstiges Graublau, und dahinter wieder Länder und Länder bis dorthin, wo das ewige Eis zu ahnen ist.

Und mitten darin liegt der Garten, strahlend wie ein Juwel und viel größer als du ahntest. Und kein Racheengel bewacht seine Pforte. Es ist das Paradies, in das du jederzeit zurückkehren kannst.

Nun spüre, dass diese Erde voller Kraft ist und diese Kraft ist überall. Sie umfängt und birgt dich, wo immer du wanderst, ob in blühenden Heinen oder finsteren Felsenschluchten. Nirgendwo gehst du verloren, weil sie dich liebt und trägt. Nun kehre wieder um, mach dich an den Abstieg, erschöpft und überwältigt.

Jetzt weißt du, du wirst weiterwandern, diese Welt sehen und einatmen und noch viel in dich aufnehmen, bis du irgendwann in den Garten zurückkehrst.

Nun öffne die Augen und spüre weiter diese Erdenkraft, die dich trägt. Schau noch einmal auf die Karte und fühle die ganze Schönheit des Gartens und der Welt, die ihn umgibt.


© Annegret Zimmer, 2003 - mit freundlicher Genehmigung der Autorin